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Brief von Max Bruch an Ernst Rudorff Musikwissenschaftliches Institut Köln Max-Bruch-Archiv Signatur: Br. Korr. 154, 352
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Brief von Max Bruch an Ernst Rudorff Musikwissenschaftliches Institut Köln ; Max-Bruch-Archiv
Signatur: Br. Korr. 154, 352
Bruch, Max (1838-1920) [Verfasser], Rudorff, Ernst (1840-1916) [Adressat]
Sondershausen, 25.10.1867. - 6 Seiten, Deutsch. - Brief
Inhaltsangabe: Transkription: Sondershausen 25. Oct. 1867 Lieber Freund, In dem Augenblick, wo ich mich hinsetzen wollte, um Ihnen endlich einmal ein paar Zeilen zu schreiben, kam Ihr lieber Brief. Haben Sie Sie Dank für die Freude, die Sie mir damit gemacht haben! Es ist wirklich Unrecht, daß man sich so selten schreibt – ich denke wir wollen später fleißiger sein. Von Cöln wußte ich in den ersten Sommermonaten absolut gar nichts, später erfuhr ich doch ab und zu, was die Freunde machten, wo sie steckten. Sie haben eine schöne Reise nach Tyrol etc. gemacht, Sie müssen wehr davon erzählen, wenn ich komme. Was haben Sie gearbeitet? Haben Sie Einiges druckfertig? Werden der blonde Eckbert (Motto Waldeinsamkeit, siehe Herr Pütz!), die Frauenchöre, die andere Ouverture, die Cello-Romanze bald erscheinen? Ich hoffe ja. Wie ich mich auf viele Plauderstunden mit Ihnen freue, kann ich gar nicht sagen. – Daß Salamis in Ihrem Herzen eine Heimath hat, weiß ich. An allen unendlichen Wandlungen des Violin-Concerts haben Sie auch so treulich und förderlich theilgenommen, daß ich das ganz fertige Stück nicht gern zum Druck geben möchte, ohne es Ihnen noch in der jetzigen, endgültigen Form mitgetheilt zu haben. Ich lasse also die Sendung nach Bremen (Cranz druckt es) den Umweg über Cöln nehmen und bitte Sie, der Partitur noch einen raschen Ueberblick zu gönnen. Ich war Anfangs Oct. 8 Tage in Hannover und habe mit Joachim Alles noch Zweifelhafte bis in die kleinsten Einzelheiten in Ordnung gebracht. Die Bezeichnung des Stricharten ist durchweg von ihm. Verschiedene David’sche Dummheiten, die ich damals im edrsten Feuer acceptiren wollte, haben wir wieder herausgeschafft. Es wurde mit diesen Sommer sehr klar, daß ich nur mit Joachim zum Ziel kommen würde; war doch auch in dem ganzen Stück keine Note ohne den Gedanken an Joachim geschrieben worden. Ich hätte mich gar nicht mit David eingelassen, wenn mir Joachim im vorigen Herbst eine einigermaßen bestimmte Zusage, es zu spielen, gegeben hätte. Da aber mir solche, obgleich erbeten, und ihm nahegelegt, nicht erfolgte, und ich doch mit dem Concert noch lange nicht im Reinen war, so glaubte ich nicht ohne Davids praktische Rathschläge fertig zu werden. Er hatte auch schon danach fragen lassen. So hatte er es denn zwei Monate in Leipzig, und im Mai redeten wir mündlich darüber, wie Sie wissen. Bei näherer Betrachtgung fand sich aber nun, daß er so viel verballhornisirt hatte, ohne Sinn und Verstand geändert, daß es geradezu Pflicht war, ihm das Stück aus den Zähnen zu reißen. Es hätte sonst ganz dasselbe Schicksal gehabt, wie die alt-italienischen Sachen von Corelli, Veracini, Tartini, die er in seiner „Hohen Schule des Violinspiels“ auf eine unerhört geschmacklose. Zum Theil geradezu widersinnige Weise maltraitirt hat. Ich hatte bisher keine rechte Vorstellung von dem Umfang dieser Verballhornisirung; seitdem wir aber bei Joachim die schönen, würdigen, einfach-großen Originale verglichen haben mit den häßlich manierirten Bearbeitungen, weiß ich nur zu gut, was man vom jetzigen David zu halten hat. Sehr glücklich, ganz selig bin ich nun, daß Joachim so viel aufrichtiges Interesse am Concert nimmt. Dieser Tage habe ich es ihm nach Verabredung nach Berlin geschickt, er nimmt es dann auf seiner ganzen Winterreise mit, und spielt es zuerst öffentlich in Wien im Nov. Der Stich beginnt sogleich, nach Neujahr sollen schon Clav. Auszug u. Principalstimme erscheinen. Die Partitur wird auch gestochen. Cranz war gleich bereit dazu. Noch was, liebster Freund! Ich kann Ihnen das Concert nicht länger als 2-3 Tage lassen; es muß am 31. d. M. in Bremen sein. Wollen Sie es auch Gernsheim während dieser Zeit zur Durchsicht geben, so wird es mir lieb sein. Ich freue mich sehr, daß das gute Einvernehmen hergestellt ist. Meinen Gruß an ihn – ich lasse eben meine neue Frithjof Scene (Frithjof auf seines Vaters Grabhügel, Bariton Solo mit Frauenchor) ausschreiben und lasse sie mir nächste Woche von der Capelle vorspielen. Neues Opern-Pech erzähle ich Ihnen mündlich. Dingelstedt läßt mich sitzen, obgleich der Plan schon fertig war. In Wien am „K.K. Hofoperntheater“ war Loreley schon angenommen, alles abgemacht, als man mir noch ganz zuletzt die unverschämte Zumuthung machte, ich solle die Einlegung des Mend.[elssohnschen] Finale an Stelle des meinigen gestatten. Ich schlug natürlich rund ab, und mit Loreley in Wien ist es aus. – Herr College Esser, großer Bänkelsänger und Suiten-Fabrikant, hat den herrlichen Plan ausgeheckt., ich weiß es. – Hier ist jetzt alles musiklos. Wenn man nicht viel arbeitet, so stirbt man vor Langeweile. Ich denke bestimmt am 4. Novbr. In Cöln einzutreffen. Meine besten Grüsse zunächst Ihren lieben Hausgenossen und den andern Musiker-Freunden. Auf Wiedersehen, lieber Freund! Wir wollen schöne Stunden nach alter Art zusammen haben. Immer Ihr herzlich ergebener Max BruchJoachim, Joseph (1831-1907) [Erwähnt], Gernsheim, Friedrich (1839-1916) [Erwähnt], Dingelstedt, Franz von (1814-1881) [Erwähnt], David, Ferdinand (1810-1873) [Erwähnt], Corelli, Arcangelo (1653-1713) [Erwähnt], Veracini, Francesco Maria (1690-1768) [Erwähnt], Tartini, Giuseppe (1692-1770) [Erwähnt]
Musikverlag August Cranz (1814-1992) [Behandelt]
Bemerkung: Max Bruch Die (wohl nicht mehr erhaltene) erste Fassung des Violinkonzertes wurde am 24. April 1866 unter der Leitung des Komponisten mit Otto von Königslöw als Solisten in Koblenz uraufgeführt. Auf Anraten Hermann Levis erarbeitete Bruch mit Joseph Joachim eine revidierte Fassung, wobei er insbesondere die beiden Ecksätze veränderte. Mit Joachim als Solisten wurde diese Fassung erstmals am 5. Januar 1868 unter Leitung von Carl Martin Reinthaler in Bremen gespielt.
Objekteigenschaften: HandschriftPfad: Max-Bruch-Archiv / Korrespondenz
DE-611-HS-4307682, http://kalliope-verbund.info/DE-611-HS-4307682
Erfassung: 8. Dezember 2025 ; Modifikation: 19. Januar 2026 ; Synchronisierungsdatum: 2026-01-19T10:59:51+01:00
