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Brief von Max Bruch an Ernst RudorffMusikwissenschaftliches Institut KölnMax-Bruch-ArchivSignatur: Br. Korr. 154, 653

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Brief von Max Bruch an Ernst RudorffMusikwissenschaftliches Institut Köln ; Max-Bruch-Archiv

Signatur: Br. Korr. 154, 653


Bruch, Max (1838-1920) [Verfasser],Rudorff, Ernst (1840-1916) [Adressat]

22.11.1907. - 12 Seiten, Deutsch. - Brief

Inhaltsangabe: Hegar – Nachfolgespekulationen für die Direktorstelle der Hochschule, ER und MB wollen gar keinen Direktor – MB plant Intervention beim Minister über seinen Freund Regierungspräsident KruseTranskription: M. l. Freund, es ist kaum daran zu zweifeln, daß Herr Schmidt bei seiner eifrigen „Suche“ nach einem „Director“ (Japhet in search of a father!) endlich bei Herrn Hegar angelangt ist. Objectiv betrachtet, bietet H. folgendes Bild: Er war ein guter und sicherer Kapellmeister – aber das waren und sind andere in Deutschland auch. Er hat lange an der Spitze der „Musikschule“ in Zürich gestanden; das ist ein mittleres Institut ohne große Bedeutung, und der Sprung von da zur H.Sch. wäre dann doch etwas zu groß. Er hat sich dann, erst in seinen späteren Jahren, auf die Komposition „geworfen“, und eine wahrhaft verhängnisvolle Einwirkung auf die Liedertafeln ausgeübt, indem er viele lange und complicirte und möglichst häßliche Stücke für Männerchor schrieb, die sich durch eine willkürliche und unmögliche Anhäufung von instrumentalen Schwierigkeiten und schlechte Stimmführung auszeichneten. Und im Uebrigen ist er längst mit Sack und Pack in’s Lager der modernen Häßlichkeits-Apostel übergegangen / hat all‘ das Teufelszeug in Zürich anhaltend und mit Vorliebe aufgeführt, und hat M. Friedländer noch vor einem Jahr ausdrücklich geschrieben: er finde alles, was R. Strauss im V.L.B. hingeschrieben habe, mit jedem Tag besser, und habe sich ganz vertraut damit gemacht!“ – Ein hübscher Nachfolger für Joach.! / (wie Steinbach u. A. m.), ist also in meinen Augen ein Deserteur und ein Renegat! – Unser persönliches Verhältnis war in früheren Jahren recht gut, er arrangirte mir sogar vor ca. 30 Jahren einmal ein paar Concerte. Eine fortlaufende Correspondenz bestand nie zwischen uns, aber gelegentlich, wenn er etwas wollte, schrieb er noch. So z. B. vor ca. 10-12 Jahren, als sein Oratorium „Manasse“, ein ganz erfindungsloses Stück, (welches in den brünstigen Sologesängen stark an das thierische Gebahren Sieglindes und Isoldens’s erinnerte) in Berlin von der gesammten Presse sehr schlecht behandelt wurde. / trotz der Wagnerei! / Darüber jammerte er sehr, so daß ich ihm noch ein bischen Trost spenden mußte. Dann hörte ich jahrelang gar nichts von ihm, bis er vor ein paar Jahren zur Audienz beim Kaiser, (obgleich „Allerhöchstderselbe“ noch 1903 in Frankfurt a/M gerade Hegars Männerchöre als „zu complicirt“ bezeichnet hatte!!), mit der ganzen V.L. Commission, nach Berlin kam, und mich – nicht besuchte. Damals lag übrigens noch nicht das Geringste zwischen uns, er hatte also thatsächlich keine Veranlassung mich zu „schneiden“. Ich faßte die Sache so auf, daß er, bei seiner neuen, sehr avancirten Parteistellung, mich für zu „rückständig“ hielt, um noch von ihm höflich behandelt zu werden. Auch war ihm offenbar, als Komponisten, durch seine Erfolge bei den urtheilslosen Liedertafeln, schon der Kamm geschwollen. Kurz – er ignorirte mich völlig, obgleich er tagelang hier war, - schrieb auch keine Zeile. Ich dachte: „Laß ihn laufen – er ist der Erste, und wird auch nicht der Letzte sein der umgefallen ist.“ – Nun kam das V.L. Buch, und Du weißt ebenso gut wie ich, daß er da einer der Schlimmsten war. Offenbar ist jetzt die Bombe geplatzt, Schmidt hat zuerst wahrsch. Liliencron, dem alten Esel, Kenntniß von der Denkschrift des Senats gegeben, und durch den Alten ist dann dieser scharfe Angriff auch Friedländer und Hegar bekannt geworden. In Folge dessen sieht er nun vor Allem in mir seinen Gegner, und nicht mit Unrecht. Ich bin es geworden, und ich mußte es werden, weil die ganze Thätigkeit seiner späteren Jahre zum stärksten Widerspruch aufforderte. Und diesen Mann will Herr Schmidt wahrsch. uns auf den Nacken setzen als „Director.“ Den Teufel auch – einem Joachim habe ich mich untergeordnet, weil er Joachim war; Herr Hegar ist aber noch lange kein Joachim, und ich glaube denn doch ein bischen mehr in der Welt gethan zu haben, als der – und ich würde mich diesem „Director“ ganz gewiß nicht unterordnen. Und müssen es denn lauter Ausländer sein, die jetzt berufen werden? Marteau ist Franzose, Hegar Schweizer – wo bleibt Deutschland? Ist es nicht das allerschlimmste Armuthszeugniß für Deutschland, wenn das Ministerium jetzt mit lauter Ausländern angerückt kommt?!!Dein getr. M. Bruch.AbendsP.S. Du wirst mir entgegnen, es handele sich jetzt vielleicht gar nicht um Hegar. Ich glaube aber dennoch, ein hoher Grad von Wahrscheinlichkeit spricht dafür, daß Schmidt ihn meinte, als er Ad. Schulze einen Namen nannte – den dieser uns nicht nennen darf (!!). Denn vergegenwärtige Dir, daß Steinbach und Weingartner jetzt ausgeschlossen sind, Steinbach offenbar wegen seiner bekannt gewordenen kleinen Conservatoriums-Scherze mit jungen Mädchen – Weingartner, weil er in Wien bleibt. Mahler geht auf 4 Jahre nach New York – D’Albert thut so, als wenn er die H.Sch. nicht annehmen könne (obwohl sie ihm Niemand angeboten hat!) Bis zu Reger (als „Director“) hat sich offenbar selbst der kühne Schmidt noch nicht verstiegen; Dr. Kretzschmar ist bereit untergebracht (leider!) Nun hat Schmidt im Kreise des V.L. Buchs (den er kennt) sich weiter umgesehen, und auf wen sonst soll er da gestoßen sein, als auf Hegar? Das stimmt auch damit, daß Ad. Schulze sagte, er wisse nicht viel von dem Betreffenden. Ich bin entschlossen einen letzten Versuch zu machen, um die Obersten im Ministerium, den Unterstaats-Secretär Wewer und Excellenz höchst selbst zu der Einsicht zu bekehren, daß 1. ein neuer Director gar nicht nöthig ist, 2. sie keinen finden werden. Nämlich: Der Regierungspräsident Kruse und seine Frau (meine sehr liebe Margarethe Zanders) kommen am 3. Decbr. auf 8 Tage nach Berlin und wohnen bei ihrem Freunde Wewer, werden auch viel und intim mit dem Minister und seiner Frau verkehren. Ich werde also Kruse, mit dem ich seit 30 Jahren eng befreundet bin, über alles mündlich genau informiren, und er möge dann sein Heil versuchen. Vielleicht hilft es etwas!Montag mehr! Dein M. B.

Bemerkung: Max Bruch

Objekteigenschaften: Handschrift

Pfad: Max-Bruch-Archiv / Korrespondenz

DE-611-HS-4312567, http://kalliope-verbund.info/DE-611-HS-4312567

Erfassung: 14. Januar 2026 ; Modifikation: 14. Januar 2026 ; Synchronisierungsdatum: 2026-01-14T14:41:29+01:00