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Brief von Max Bruch an Ernst Rudorff Musikwissenschaftliches Institut Köln Max-Bruch-Archiv Signatur: Br. Korr. 154, 623
Brief von Max Bruch an Ernst Rudorff Musikwissenschaftliches Institut Köln ; Max-Bruch-Archiv
Signatur: Br. Korr. 154, 623
Bruch, Max (1838-1920) [Verfasser], Rudorff, Ernst (1840-1916) [Adressat]
Berlin, 19.09.1907. - 10 Seiten, Deutsch. - Brief
Inhaltsangabe: ER Rückmeldung Joachim-Feier / JJ-Nachfolge – MB kritisiert die Berufung von Ausländern / MB hat Zweifel an seiner JJ-Rede – Brahms-Eifersucht // Kölner Konservatoriumsdirektor Fritz Steinbach als Verführer seiner Schülerinnen, Vergleich mit Auber und Xaver Scharwenka Transkription: M. L. Hier sende ich Dir 1) die Rede (Mscrpt) mit einigen Aenderungen, Zusätzen etc. 2) in besonderem Couvert die Motivierung; 3) in bes. Couvert den Nekrolog von Krebs über Joachim (im „Tag“ vom 18/8 d.J.) Dies Zeitungsblatt erbitte ich zurück, da ich es Krebs zurückgeben muß.- Ad. Schulze, der gestern (Mittwoch) bei Geh. Rath. Schmidt war, hat mir natürlich nichts über die Unterredung mitgetheilt, obwohl ich ihn nach dem Schluß unserer Sitzung ausdrücklich darum gebeten hatte. Ich habe nun Blankenberg schriftlich ersucht („weil doch der Herr Kollege Sch. ihn jedenfalls schriftlich orientirt habe“) mir das Nöthige mitzutheilen. Direct geschrieben habe ich Schulze bis jetzt nicht, - es ist nicht rathsam, einem Menschen von dieser Beschaffenheit zu schreiben, ohne einen Rechtsanwalt zur Seite zu Haben, der jedes Wort auf die Goldwage [sic] legt! – Dienstag Abend hatte ich wegen einer eiligen / aber ganz dummen / Senatssache eine improvisirte Sitzung bei mir, der auf meine Einladung Krebs und Koch, (die Friedmauer) beiwohnten. (Du weißt, daß in den Ferien 3 Senatoren genügen, um gültige Beschlüsse zu fassen.) Da erzählte denn Koch, der jetzt am Rhein gute Verbindungen hat, Geschichten von Herrn Steinbach, die ihn hier und an jedem Conservatorium ganz unmöglich machen. Er entpuppt sich immer mehr als ein gewissenloser und schamloser Mädchenjäger, und ist schließlich so weit gegangen, unbescholtenen, anständigen Schülerinnen Geld zu bieten, wenn sie mit ihm reisen wollten. Es sickerte aber etwas durch, und das Gerede wurde schließlich so stark, daß Steinbach glaubte, es durch ein ungewöhnlich unverschämtes und sicheres Auftreten zum Schweigen bringen zu können. Er beruft also eines Tages das ganze Lehrerkollegium zusammen, und schnauzt die Herren an: „er wisse, daß er verläumdet werde, warum denn die Lehrer ihn nicht vertheidigten? Keiner von ihnen könne doch glauben, daß irgend etwas Wahres an dem Geschwätz sei!“ – Darob zunächst eine große u. peinliche Stille. Dann aber erhebt sich Franke (der Organist), und sagt ihm auf den Kopf zu, welchen Schülerinnen er unanständige Anträge gemacht und Geld angeboten habe – nennt auch Namen, und blamirt St. dermaßen, daß er zuletzt bleich und verzweifelt auf den eigenen Stuhl fällt und schweigend mit der Hand winkt, die Herren möchten sich entfernen. Das alles hat Franke selbst erzählt, und ich kenne Franke seit Jahren als einen durchaus zuverlässigen Ehrenmann. Er ist der beste Organist in den Rheinlanden, und u. A. an der evangel. Christuskirche in Köln angestellt. Jeder Zweifel an der unbedingten Zuverlässigkeit dieser Mittheil. ist also ausgeschlossen. Was sagst Du dazu?!!! Offenbar hat der Schuft ein Conservat. mit einem Harem verwechselt und in Köln die schönen Sitteneinführen wollen, di unter Auber am Pariser Conserv. herrschten (und früher unter Herrn X. Schar-a an diesem Conserv., - er mußte damals schnell nach Amerika, weil Väter mit dem Staatsanwalt drohten!!) Eine schöne Bande, nicht wahr?! – Dasselbe hat Schrattenholz kürzlich in Bonn gehört; dort wurde u.A. der Name einer besonders schönen / und durchaus anständigen / Schülerin genannt, der er M. 200 geboten habe, wenn sie ihn au einer „Vergnügungsreise“ begleiten wolle. Am Rhein lacht man bei der Vorstellung, daß der Mensch an die H.Sch. berufen werden könnte! Die Sache liegt aber so: In Köln ist seine Stellung erschüttert, er fühlt, daß ihm der Boden unter den Füßen brennt, und würde sich daher gerne „verändern“, auch wenn er viel weniger Geld erhält als in Köln (wo er nicht weniger als 20.000 M. hat!!) – Jedenfalls haben wir jetzt eine scharfe Waffe gegen ihn in der Hand, und haben die Pflicht die Regierung event. ernstlich zu warnen. – Eilig, Immer Dein getreuer M. Bruch Weingartner bleibt in Wien; der ist also auch für hier (H.Sch.) hors de question! [Auf einer Extrakarte:] Krebs hat mir au meinen Wunsch diesen seinen Nekrolog über Joach. (im „Tag“ vom 18. Aug. d.J.) geschickt. Ich finde ihn im Ganzen recht gut und würdig; ganz unmöglich wäre es also doch nicht gewesen, daß Krebs die Rede bei der Trauerf. gehalten hätte. Ich wiederhole: An literarischer Gewandtheit sind diese Leute uns doch sehr überlegen; ich bin auf diesem Gebiet Laie, finde oft erst nach längerem Nachdenken mit Deiner Hülfe das Rechte, und die Sache macht mir große Mühe!Joachim, Joseph (1831-1907) [Behandelt], Steinbach, Fritz (1855-1916) [Behandelt], Schulze, Adolf (1835-1920) [Erwähnt], Krebs, Carl (1857-1937) [Erwähnt], Blankenberg [Erwähnt], Schmidt, Felix (1848-1927) [vermutlich] [Erwähnt], Koch, Friedrich Ernst (1862-1927) [vermutlich] [Erwähnt], Franke, Friedrich Wilhelm (1862-) [Erwähnt], Auber, Daniel-François-Esprit (1782-1871) [Erwähnt], Scharwenka, Xaver (1850-1924) [Erwähnt], Schrattenholz, Leo (1872-1955) [Erwähnt], Weingartner, Felix (1863-1942) [Erwähnt]
Königliche Akademische Hochschule für Musik in Berlin zu Charlottenburg (1902-1918) [Behandelt]
Bemerkung: Max Bruch
Objekteigenschaften: HandschriftPfad: Max-Bruch-Archiv / Korrespondenz
DE-611-HS-4312014, http://kalliope-verbund.info/DE-611-HS-4312014
Erfassung: 12. Januar 2026 ; Modifikation: 12. Januar 2026 ; Synchronisierungsdatum: 2026-01-12T11:34:40+01:00
