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Brief von Max Bruch an Ernst Rudorff Musikwissenschaftliches Institut Köln Max-Bruch-Archiv Signatur: Br. Korr. 154, 622
Brief von Max Bruch an Ernst Rudorff Musikwissenschaftliches Institut Köln ; Max-Bruch-Archiv
Signatur: Br. Korr. 154, 622
Bruch, Max (1838-1920) [Verfasser], Rudorff, Ernst (1840-1916) [Adressat]
Berlin, 15.09.1907 [Mittags 12 1/2]. - 8 Seiten, Deutsch. - Brief
Inhaltsangabe: ER Rückmeldung Joachim-Feier / JJ-Nachfolge – MB kritisiert die Berufung von Ausländern / MB hat Zweifel an seiner JJ-Rede – Brahms-Eifersucht Transkription: Mittags 12 1/2 Mein Lieber, Schon gestern Abend gegen 7 war ich im Besitz Deines Eilbriefs. Danke sehr – das ist schnell gegangen! Wir sind also auch bezügl. der Gestaltung der Trauerfeier, wie immer, einig, und ich werde morgen, Montag, in der Sitzung unsern Standpunkt nachdrücklich zur Geltung bringen. Es ist wirklich das einzig Vernünftige, eine andere Anordnung kann ich mir nicht recht denken. Nun, wir werden sehen, was Schulze vorschlägt. Uerber den Verlauf der Sitzung werde ich Dir natürlich gleich berichten. H. Marteau kenne ich wenig, ich weiß nur, daß er meine Concerte viel gespielt hat und ein ausgez. Geiger ist. Daß Joachim ihn so hoch stellte, wußte ich freilich nicht. Das Ministerium hat sich bisher noch in starres Schweigen gehüllt, und nur Schulze mit der Fortsetzung der Vertretung J.‘s beauftragt. Krebs sagte noch, (auf Grund Mittheilungen des anscheinend sehr gut informirten Moser): Joachim habe offenbar in der Instr.-Abth. dasselbe machen wollen wie in der Klavier-Abth. durch Donanyi’s Anstellung. Ich will nun morgen in der Sitzung den Andern Kenntnis geben von diesen Gerüchten, und es wird sich dann herausstellen, ob Schulze Näheres hierüber weiß. – Ich habe an und für sich gar nichts gegen Marteau, nur ärgere ich mich darüber, daß es immer wieder Ausländer sein müssen, die der H.Sch. das sog. neue Blut zuführen. Bei Euch ein Ungar – jetzt ein Franzose oder Belgier, etc. etc. Da aber diese Leute die künstlerische Qualification in hohem Grade besitzen, und da keine Andern da waren resp. da sind – so muß man doch wohl annehmen, daß in Deutschland keine wahren Talente mehr aufzutreiben sind – und dies wäre dann ein neues Symptom des Niederganges der deutschen Musikverhältnisse! – Daß Schulze und Blankenberg Dir keine Einladung für diese Sitzung geschickt haben, liegt wohl nur daran, daß sie Dich schonen wollten; denn ohne die allerdringendste Nothwendigkeit / die jetzt noch nicht vorliegt / würde man Dich doch nicht aus Deiner Ruhe abermals aufscheuchen, nachdem Du zum Schaden Deiner Gesundheit Deinen Erholungs-Aufenthalt schon wieder unterbrechen mußtest. Als Tag der Trauerfeier habe ich den 27. October (Sonntag) in’s Auge gefaßt. Das Semester beginnt am 14. Oct. Wir hätte alos reichlich Zeit, die bekannten Sachen genügend vorzubereiten. (Später darf’s nicht werden!) – Die Rede dauerte, als ich sie meiner Frau und m. Tochter ganz langsam vorlas (also in dem Tempo, wie am Tage der Feier) nicht einmal eine Viertelstunde. Man hatte den Eindruck, daß sie noch etwas zu kurz sei. Ich habe deßhalb noch einen Zusatz gemacht, der mir nicht übel scheint. Ich schicke ihn Dir jedenfalls. Deine Zustimmung war mir natürlich sehr erfreulich und höchst werthvoll; aber es sind mir dennoch hier, nach meiner Rückkehr, als ich die sehr schöne Rede des Pastors Nithack-Stahn gedruckt vor mir hatte und auch Krebs‘ sehr guten Nachruf im „Tag“ las, wieder Zweifel aufgestiegen, ob ich diese Rede überhaupt halten solle. Denn ich bin auf diesem Gebiet doch nur Laie, und es wird mir sehr schwer, hier das Rechte in angemessener Form zu sagen – ich taste hin und her, thue zuweilen zu viel, dann wieder zu wenig – es fehlt mir aber allzusehr die literarische Gewandtheit, die jeder Pastor und jeder Univers.-Professor in ungleich höherem Grade besitzt. Kein Wunder – es ist ihr metier, während es nie mein metier war. Ich habe lange darüber nachgedacht, ob und wie ich etwas Gutes über Joach.‘s Verhältnis zu Mendelssohn, Schumann und Brahms sagen könnte; es wollte mir aber bis jetzt nicht gelingen dies in der richtigen Weise einzuflechten. Es würde auch wohl zu biografisch klingen, und wäre deßhalb hier wohl nicht ganz angebracht. Auch war mir seine Propaganda für Brahms, offen gestanden, stets etwas zu einseitig. Wollte ich also auch dies glorificiren, so würde ich vor mir selbst nicht ganz wahr sein. – Deine Bemerkungen habe ich überall mit Dank beherzigt. Leb wohl – Dienstag mehr! Dein getreuer M. Bruch.Joachim, Joseph (1831-1907) [Behandelt], Schulze, Adolf (1835-1920) [Erwähnt], Marteau, Henri (1874-1934) [Erwähnt], Krebs, Carl (1857-1937) [Erwähnt], Moser, Andreas (1859-1925) [Erwähnt], Dohnányi, Ernst von (1877-1950) [Erwähnt], Blankenberg [Erwähnt], Bruch, Margarete (1882-1963) [Erwähnt], Bruch, Clara (1854-1919) [Erwähnt], Nithack-Stahn, Walther (1866-1942) [Erwähnt], Mendelssohn Bartholdy, Felix (1809-1847) [Erwähnt], Brahms, Johannes (1833-1897) [Erwähnt], Schumann, Robert (1810-1856) [Erwähnt]
Königliche Akademische Hochschule für Musik in Berlin zu Charlottenburg (1902-1918) [Behandelt]
Bemerkung: Max Bruch
Objekteigenschaften: HandschriftPfad: Max-Bruch-Archiv / Korrespondenz
DE-611-HS-4312003, http://kalliope-verbund.info/DE-611-HS-4312003
Erfassung: 12. Januar 2026 ; Modifikation: 12. Januar 2026 ; Synchronisierungsdatum: 2026-01-12T11:35:20+01:00
