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Brief von Max Bruch an Ernst Rudorff Musikwissenschaftliches Institut Köln Max-Bruch-Archiv Signatur: Br. Korr. 154, 618
Brief von Max Bruch an Ernst Rudorff Musikwissenschaftliches Institut Köln ; Max-Bruch-Archiv
Signatur: Br. Korr. 154, 618
Bruch, Max (1838-1920) [Verfasser], Rudorff, Ernst (1840-1916) [Adressat]
Oberhof (Thüringen), 06.09.1907. - 12 Seiten, Deutsch. - Brief
Inhaltsangabe: Rede auf Joachim – Erklärung des Konzepts, und des Manuskripts (das hier nicht beiliegt), auch mit den Einwänden von Clara Bruch – ER und MB wollen Hausmann als Nachfolger von JJ im Direktorium. Transkription: M.L. Hierbei die „Gedenkworte“. Sage mir nun ganz offen, wie Du darüber denkst, und ob Du glaubst, daß sie werth sind, bei einem solchen Anlaß, zu Ehren eines solchen Mannes gesprochen zu werden. Ich hatte die ganze Sache schon aufgegeben; nur Dein Zuspruch und die entschiedene Abneigung gegen einen gedichteten Prolog oder Epilog bewogen mich, ihr wieder näher zu treten. Ich hielt mich nur an Deinen guten Rath, nicht zu sehr in die Breite zu gehen – warf die ganze erste Anlage um, weil sie ja zu viel Allgemeines, Kunsthistorisches enthielt, - und that nun, was ich gleich Anfangs hätte thun sollen und nicht gethan hatte (weil mein Geist in Folge des großen Kummers nicht ganz klar war): ich stellte die Hochschule und ihre Trauer in den Mittelpunkt des Ganzen – um den sich alles Andere leicht und ganz von selbst krystallisirte. Im Einzelnen ist nun etwa Folgendes zu sagen (was Du freundlich bedenken und erwägen willst): 1) Die Einleitung scheint mir nöthig, damit die Leute nicht ein eigentliches, ausgeführtes Lebensbild von mir erwarten. 2) Seite 4, unten, habe ich absichtlich die Staatsregierung erwähnt, da wir doch ein Staatsinstitut sind, und Joachim ohne dieselbe nichts hätte erreichen können. Auch sitzen unten der neue Minister und die wichtigsten Geheimräthe, und da kann es am Ende nicht schaden wenn man / gerade jetzt! / nach dieser Richtung hin höflich ist; und was ich sage, läßt sich ja auch durchaus rechtfertigen. 3) Seite 6 habe ich ebenso absichtlich J’s Bemühungen / bei denen er freilich von uns stets kräftig unterstützt wurde! / hervorgehoben, dem Lehrercollegium neues Blut zuzuführen, weil gerade in dieser Hinsicht seit Decennien am Meisten gelogen worden ist. Ich schlage, (ohne irgendwie polemisch zu werden) die Verläumder geradezu in’s Gesicht, indem ich frank und frei, aber lediglich in affirmativer Form, das gerade Gegentheil von ihrem Geschwätz behaupte. Und diese Behauptung ist gewiß sachlich völlig begründet: In Deiner Abth. sind Frl. Bender, Börner, Moldenhauer, Bunte und - Donanyi [sic] angestellt worden; in der Instr. Abth. Halir, Wietrowetz, Klingler, Schrattenholz (für Cello, als Assistent von Hausmann); in der Ges. Abth. die Herzog und Knüpfer; bei uns Rössler, Schrattenholz (Theorie), Juon / und sogar Herr van Eyken - wurde aber noch rechtzeitig in die Wolfsschlucht geworfen! / Wer diesen Thatsachen gegenüber noch von „Stagnation“ reden will (wie das häufig geschah u. geschieht) der ist ein schamloser Lügner! 4) Seite 7 u. 8 glaubte ich Joachims humane Fürsorge für manche unbemitt. Schüler jedenfalls erwähnen zu müssen, denn er that im Geheimen sehr viel. Meine Frau aber, die in solchen Dingen sehr feinfühlig ist, meint, ich solle es bei dieser allgemeinen Andeutung bewenden lassen, und nicht im Einzelnen von Freistellen und Stipendien etc. reden. / „Es klinge wie eine Eingabe“ / Was meinst Du? Ich glaube, sie hat recht. Den event.Strich habe ich angedeutet. 5) Das Ungarische Concert ist ein so schönes u. vortreffliches / ja geniales / Werk, daß ich es ganz besonders erwähnen wollte – abermals um der Bande in’s Gesicht zu schlagen, die nichts weiter zugiebt, als „daß J. früher ein guter Geiger gewesen sei.“ (R. Strauss‘ ipsissima verba!!!) - Aber auch hier habe ich jedes polemische Wort vermieden. 6) Seite 9 und 10 habe ich etwas hervorgehoben, was Niemand in der Welt so wissen kann, und was doch m.E. sehr wissenswerth ist: die Reife seines Urtheils. Ich denke hier hauptsächlich an seine vielen, künstlerisch und stylistisch ganz unschätzbaren Urtheile in den Protocollen der Mendelssohn-Concurrenzen. Es war mir immer ein wahrer Genuß, diese zu lesen, wenn wir unsere Protocolle austauschten! – 7) Die Stelle über sein künstl. Credo habe ich etwas gemildert; „Zuchtlosigkeit“ und „unkünstl. Rohheit“ waren m. Frau hier zu stark – und ich glaube, sie hat wiederum recht. Mit dem Ausdruck „Tendenzen, die aus völliger Verkennung“ etc. – wirst Du wohl einverstanden sein. 8) Die Erwähnung seiner gut Deutschen Gesinnung habe ich weggelassen, bin aber bereit sie wiederherzustellen, wenn Du es für gut hältst. Er gehörte doch so sehr zu uns, daß man ihn eigentlich als stolzer Deutscher reclamiren sollte. Eines spricht gegen diese patriotische Stelle: Man darf in einer solchen Rede auf keinen Andern Superlative häufen, als auf den Helden – nicht einmal auf das Vaterland; denn er muß doch hier stets die Hauptperson bleiben. Und im Uebrigen war J. eigentlich ein sehr unpolitischer Mann. Das Ganze dauert, langsam gesprochen, nur eine gute Viertelstunde. Wünschest Du also noch irgendwelche Zusätze? Wenn ich diese Gedenkworte nur nicht zu sprechen brauchte; mein Organ ist nicht sehr laut, und bei meiner großen Kurzsichtigkeit muß ich öfter in‚s Mscrpt sehen, als gut ist. – Wir kehren spätestens Mittwoch den 11. Sep. Abends zurück. Ueberlege alles reiflich, bitte, und sende mir dann das Mscrpt eingeschrieben am 11/9 zurück, so daß ich es am 12/9 in Friedenau habe. – Hierbei ein Brief von Hausmann, dem ich vertraulich über die schwebenden Fragen geschrieben hatte. Er äußert allerlei Bedenken; ich habe ihm aber auseinandergesetzt, alle diese Bedenken seien unhaltbart; er dürfe sich uns in dieser kritischen Zeit nicht versagen, er sei der Einzige – wir wollten weder Halir noch Wirth – weder der Eine noch der Andere dürfen in‘s Direct. eintreten. Etc. – Uebrigens sei der Bericht an’s Minist. längst abgegangen. Wahrscheinlich werde er aber 1. April 08 „kommissarisch“ mit der Leitung der Instr. Abth. etc. betraut. Dann sei ja sein Wunsch erfüllt! – Nun addio, mein Bester. Wann kehrst Du zurück? Stets Dein getr. M. Bruch.Joachim, Joseph (1831-1907) [Behandelt], Bender, Marie (1873-) [Erwähnt], Börner, Kurt (1877-1947) [Erwähnt], Moldenhauer, Walther [vermutlich] [Erwähnt], Bunte, C. A. [vermutlich] [Erwähnt], Dohnányi, Ernst von (1877-1950) [Erwähnt], Halir, Carl (1859-1909) [Erwähnt], Wietrowetz, Gabriele (1866-1937) [Erwähnt], Klingler, Karl (1879-1915) [Erwähnt], Schrattenholz, Leo (1872-1955) [Erwähnt], Hausmann, Robert (1852-1909) [Erwähnt], Herzog, Emilie (1859-1923) [Erwähnt], Knüpfer-Egli, Maria (1872-1924) [Erwähnt], Rößler, Richard (1880-1962) [Erwähnt], Schrattenholz, Leo (1872-1955) [Erwähnt], Juon, Paul (1872-1940) [Erwähnt], Eyken, Heinrich van (1861-1908) [Erwähnt], Bruch, Clara (1854-1919) [Erwähnt], Strauss, Richard (1864-1949) [Erwähnt], Wirth-Stockhausen, Julia (1886-1964) [Erwähnt]
Königliche Akademische Hochschule für Musik in Berlin zu Charlottenburg (1902-1918) [Behandelt]
Bemerkung: Max Bruch
Objekteigenschaften: HandschriftPfad: Max-Bruch-Archiv / Korrespondenz
DE-611-HS-4311947, http://kalliope-verbund.info/DE-611-HS-4311947
Erfassung: 9. Januar 2026 ; Modifikation: 9. Januar 2026 ; Synchronisierungsdatum: 2026-01-09T17:02:48+01:00
