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Brief von Max Bruch an Ernst RudorffMusikwissenschaftliches Institut KölnMax-Bruch-ArchivSignatur: Br. Korr. 154, 613

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Brief von Max Bruch an Ernst RudorffMusikwissenschaftliches Institut Köln ; Max-Bruch-Archiv

Signatur: Br. Korr. 154, 613


Bruch, Max (1838-1920) [Verfasser],Rudorff, Ernst (1840-1916) [Adressat]

30.08.1907. - 12 Seiten, Deutsch. - Brief

Inhaltsangabe: Der jüngste Sohn Ewald Bruch ist mit Wahnvorstellung in einer Nervenheilanstalt / Spekulationen über die Joachim-Nachfolge / Probleme mit der geplanten Rede auf Joachim Transkription: Liebster Freund, Vor Allem laß mich hoffen, daß Du Dich von allen Erregungen und allem Kummer dieses Sommers einigermaßen erholt hast. Was mich betrifft, so dachte ich nach Joachims Scheiden könne nun nichts Schlimmeres mehr kommen; aber es war mir noch ein Schicksalsschlag zugedacht, er mich in gewissem Sinne noch härter traf: mein jüngster Sohn, der mich auf Wunsch s Mutter nach Berlin begleitet hatte, um mir in den letzten traurigen Tagen zur Seite zu stehen, kehrte sehr erregt hierher zurück, u. hier entwickelten sich Wahn-Vorstellungen (musikalischer Art), Größenwahn etc. Schließlich wurde die Unruhe so groß, daß ein längeres Verbleiben in der Familie unmöglich war; ein zufällig hier anwesender ausgez. Psychiater aus Halle erklärte die sofortige Ueberführung in eine Anstalt für nothwendig, und so brachte ihn denn sein ältester Bruder, Max Felix, der mit Urlaub vom Regiment 3 Tage hier war, am 24/8 nach Jena in die Großh. Psych. Klinik (Prof. Binswanger). Die ärztlichen Berichte lauten relativ günstig; man schreibt uns, es handele sich um einen leichten Exaltationszustand; er werde vorläufig im Bett gehalten, füge sich gutwillig (sehr wichtig!) in die klinische Behandlung, und nehme die Bäder gerne; über die voraussichtl. Dauer seines Aufenthaltes in der Anstalt lasse sich aber noch nichts sagen. Der Anfall erscheine aber im Ganzen weniger schlimm als der erste, im Frühjahr 1906 (in Folge dessen er 3 ½ Monate in Schlachtensee in Bödecker’s Sanatorium sein mußte). Wenn dies auch einigermaßen tröstlich klingt, so müssen wir uns doch andererseits sagen, daß alle Versuche seit Juni 1906, ihn einer ernsthaften geregelten Thätigkeit zuzuführen, und ihn so dem Leben wiederzugewinnen, gescheitert sind. Er ist nichts und wird nichts, seine Nerven halten nichts aus, er geht einem verfehlten Leben entgegen, welches keins ist, und seine Zukunft liegt dunkel vor uns. – Meine Frau hat furchtbar unter diesen tieftraurigen Erlebnissen gelitten, und ich hatte einige Tage jedes Interesse an den Dingen verloren. Ich sah alles wie durch einen Schleier, alles ohne Ausnahme fing an mir gänzlich gleichgültig zu werden; ich sah keine Möglichkeit mich künstlich wieder so weit hinaufzuschrauben, daß ich Anfangs Oct. wieder meine leider! allzuvielen Geschäfte übernehmen u. mit dem alten Ernst betreiben könnt; ich dachte sogar daran, mein Entlassungsgesuch einzureichen, - und nur an dem Gedanken der Pflicht habe ich mich schließlich wieder ein wenig aufgerichtet. Ich bin es Euch und auch Joachims Andenken schuldig, trotz aller Schicksalsschläge auszuharren, so lange es eben geht – und so lange man un das Verbleiben an der H.Sch. nicht geradezu unmöglich macht. Ob es uns aber gelingen wird, und wie weit es uns gelingen kann, die Hochschule noch zu retten, - d.h. sie in ihrer bisherigen Gestalt als eine Hochburg und feste Burg der wahren Kunst zu erhalten – das alles wissen die Götter. Wir Alles sind alte Leute; und wenn das Geschrei der Rotte Korach nach „Reformen“ und „frischem Blut“ immer lauter an das Ohr des Herrn Dr. Schmidt schlägt, so wird er handeln wie in dem Fall Kretzschmar, und uns spätestens zum 1. April 1908 irgend einen, von den Preßbengeln verherrlichten Pult-Virtuosen auf den Nacken setzen / als „jüngere Kraft“ u. „berühmten Mann“ !!! / - event. gegen das Votum des Senats. Als „Director“ der H.Sch. wird jetzt sogar Herr Georg Schumann von einzelnen Blättern genannt – so schreibt man mir. Nur Idioten können auf einen solchen Gedanken kommen! Ob Herr Steinbach Beziehungen zum Ministerium hat, weiß ich nicht. Der große Weingartner scheint jetzt hors de question zu sein, da er nach Wien an das Hofopernth. Geht. – Immerhin glaube ich nicht, daß man vor dem 1. April 1908 definitive Entscheidungen treffen wird. Aus der Antwort des Ministeriums auf unsere Vorschläge vom 19. August werden wir zum I. Mal entnehmen können, woher jetzt der Wind weht. Jedenfalls will ich auch m. Rückkehr (15. Sept.) bald den neuen Minister und seine Frau besuchen, da ich an Beide ausgezeichnete Empfehlungen von ihren Freunden und Verwandten habe, und somit die Möglichkeit persönlicher Fühlung gegeben ist! – Vor und nach der Katastrophe vom 24/8 habe ich mich in den Wäldern viel mit der Rede auf Joach. beschäftigt, und auch eine Disposition bereits entworfen; aber ich gestehe Dir, daß die Aufgabe, je mehr ich darüber nachdenke, mir allzu schwer erscheint- Versuche ich seine Bedeutung u. seinen Werdegang zu schildern (und daran ist doch kaum vorbeizukommen) so pfusche ich den Kunsthistorikern in‘s Handwerk, welches sie schließlich besser verstehen als ich. Spreche ich von seiner Wirksamkeit an der Schule, so ist es schwer, sich bloß affirmativ zu verhalten und sich jedes polemischen Eingehens auf die tausendfachen Angriffe von 1869-1907 zu enthalten; und doch wäre diese Enthaltsamkeit durch den Anlaß, die Zeit und den Ort geboten. Und: was ich auch über J. sagen möchte – alles ist früher (und wohl auch besser) bereits gesagt worden; will man aber aus dem Schatz persönlicher Erinnerungen schöpfen, so stößt man immer wieder bald auf einen Punkt, w dem todten Freunde gegenüber Discretion zur Pflicht wird. Gerade das Beste und Schönste, Intimste u. Interessanteste kann man auch jetzt noch nicht sagen. Diese Rede (an die ich nie gedacht hätte!) nimmt mir sehr viel Zeit, beunruhigt mich hier in den, mir so nöthigen, Ferien und liegt auf mir wie ein Alpdruck - wenn ich auch in manchen Momenten lebhaft von der Schönheit der Aufgabe ergriffen bin. Aber besser wäre es, Krebs hielte sie! – Herzlichste Grüße Dir u. Deiner l. Frau dein tr. M.B.

Joachim, Joseph (1831-1907) [Behandelt],Bruch, Ewald (1890-) [Behandelt],Bödecker, Justus [Behandelt],Bruch, Max Felix (1884-1943) [Erwähnt],Binswanger, Otto (1852-1929) [Erwähnt],Korach, Levit [Erwähnt],Bruch, Clara (1854-1919) [Erwähnt],Kretzschmar, Hermann (1848-1924) [Erwähnt],Schmidt, Felix (1848-1927) [vermutlich] [Erwähnt],Steinbach, Fritz (1855-1916) [Erwähnt],Weingartner, Felix (1863-1942) [Erwähnt],Schumann, Georg (1866-1952) [Erwähnt]

Großherzogliche Sächsische Landes-Irren-Heilanstalt [Behandelt],Sanatorium Fichtenhof (Berlin, Steglitz-Zehlendorf, Schlachtensee) [Behandelt],Königliche Akademische Hochschule für Musik in Berlin zu Charlottenburg (1902-1918) [Behandelt]

Bemerkung: Max Bruch

Objekteigenschaften: Handschrift

Pfad: Max-Bruch-Archiv / Korrespondenz

DE-611-HS-4311898, http://kalliope-verbund.info/DE-611-HS-4311898

Erfassung: 9. Januar 2026 ; Modifikation: 9. Januar 2026 ; Synchronisierungsdatum: 2026-01-09T16:02:33+01:00