Detailinformationen
Brief von Max Bruch an Ernst Rudorff Musikwissenschaftliches Institut Köln Max-Bruch-Archiv Signatur: Br. Korr. 154, 593
Brief von Max Bruch an Ernst Rudorff Musikwissenschaftliches Institut Köln ; Max-Bruch-Archiv
Signatur: Br. Korr. 154, 593
Bruch, Max (1838-1920) [Verfasser], Rudorff, Ernst (1840-1916) [Adressat]
09.06.1907. - 9 Seiten, Deutsch. - Brief
Inhaltsangabe: Volksliederbuch – ausführlich über von Othegraven, falsche Quinten als Stilmittel – Joachim krank Transkription: Mein Lieber, Um Dir womöglich ein wenig behülflich zu sein die der erneuten Revision des großen Augiasstalles, nahm ich gestern den I. Bd vor, und kam bis ungefähr in die Mitte. Da machte ich dann ganz dieselbe Entdeckung wie Du, und wollte Dir in Folge dessen heute denselben Vorschlag machen, den Du mir heute machst. Wie heißt es doch in einem alten vergilbten Schicksalsdrama: „Zwei Seelen und ein Gedanke, 2 Herzen u. ein Schlag!“ Wir wollen also definitiv die 4te Kategorie („Ueberladenes“) ebensowohl fallen lassen wie die letzte („Triviales“), weil wir in beiden Fällen keinen festen Boden unter den Füßen haben, und weil im Uebrigen schon genug Stoff vorhanden ist. Wir haben völlig Zeit, die ganze Arbeit in Ruhe zu vollenden, da die nächste Sitzung (wie nun feststeht) erst am 22. Juni sein wird. Bis Ende Juni kann dann auf dem Büreau die Abschrift hergestellt werden, und am 1. Juli kann alles an das Ministerium abgehen – noch mit meiner Unterschrift, denn am 1/7 bin ich noch da; am 3/7 reise ich (mit Urlaub für Juli) in die Ferien – zuerst Minden u. Rhein, dann Oberhof in Thüringen (beim Schneekopf) – wo ich dann die Meinigen schon vorfinde. Auch bez. des von Othegraven ganz mit Dir einverstanden. Er hat Talent, gravitirt aber sehr nach links und schreibt bei jeder Gelegenheit mit wahrer Wollust die scheußlichsten (und immer ganz unnöthigen) Quinten-Paralellen [sic]. Bei den dem Senat eingeschickten Sachen befand sich ein 8st. Chorstück für Männerchor – dumpf, schlecht im Klang – „murksig“, wie Du so schön sagst, - und durchaus überladen. Goethe’s herrliche Ode an die Fantasie („Welcher Unsterblichen soll der höchste Preis sein?“) hat er völlig vergriffen. Von der antiken Heiterkeit, Klarheit und Schönheit der Dithyrambischen Dichtung ist in v. O.s Musik so gut wie nichts zu spüren; alles Christlich-Mystische scheint ihm, dem Rheinischen Katholiken, besser zu liegen (S. sein „Golgatha“, dessen Anfang ganz schön ist) und S. Rafael im V.L.B. Die vielen falschen Quinten in dieser Bearbeitung sollen vielleicht gewisse verborgene schlechte Charakter-Eigenschaften diese „wunderlichen“ Heiligen und Erzengels leise andeuten; was meinst Du?! Jedenfalls stehen diese Köln Ultramontanen mit Erzengeln und Heiligen auf einem viel vertrauteren Fuße, wie wir im „kälteren“ Berlin! Der „Kgl. M.D.“ wird ihm wohl am 22/6 nicht entgehen; gegen den „Professor“ (der beantragt ist) werde ich ganz entschieden protestiren. Du weißt wohl schon, daß Joachim leider wieder bettlägerig ist. Elias ist abgesagt und England ist abgesagt, und man weiß noch nicht genau, was dann werden oll; Liese und Frl. Eilert meinen, der Geh. Rath. Fränkel würde ihn dann wohl nach Ems schicken, um sein katharralisches Leiden womöglich ganz los zu werden. Ich saß gestern Nachmittag eine Stunde an seinem Bett und beredete allerlei Dienstliches mit ihm. Obgleich er recht elend war, nahm er doch Antheil an Allem, namentlich an unsrer V.L.B.-Angelegenheit. Ich mußte ihm auch auf sein Verlangen unseren Bericht an den Minister vorlesen, und er erklärte sein volles Einverständniß mit demselben. Er hatte daran gedacht, ob ich vielleicht den Elias übernehmen würde, wollte es mir aber nicht zumuthen. Den I. Theil würde ich vielleicht, wenn ich noch 8 Tage zur Vorbereitung hätte, übernehmen – das Ganze nicht; das wäre im Sommer zu viel! Später begegnete ich auf der Treppe R. von Mendelssohn, der sehr besorgt war. In München habe J. noch ganz besonders herrlich gespielt. – Mein Leporello-Register zählt bis jetzt ungefähr 40 Nummern – und zwar nur solche Fälle, die den Angriff unbedingt rechtfertigen. Außerdem wird noch gegen 10-12 Bearbeitungen (Opernstücke, Abendlied, Märsche) Einspruch erhoben, so daß immerhin im Ganzen über 50 Fälle monirt werden. Das ist doch ganz anständig! – Die Sünden an den beiden Iphig., Cosi f.t., Zauberflöte etc. habe ich nicht flüchtig abgemacht, sondern gründlich behandelt. Dein getr. M. B. P.S. Reinecke hat über „Salome“ gesagt: „Früher setzte man sich, wenn man starke (Holsteinisch ausgesprochen!) Mißklänge hervorbringen wollte, auf’s Klavier; Strauss setzt sich auf’s Orchester.“ Dieser Witz ist so schön, daß man sich versucht fühlen könnte, ihm verschiedene seiner Sünden im V.L.B. zu verzeihen!Reinecke, Carl (1824-1910) [Erwähnt], Othegraven, August von (1864-1946) [Erwähnt], Strauss, Richard (1864-1949) [Erwähnt], Joachim, Joseph (1831-1907) [Erwähnt]
Bemerkung: Max Bruch
Objekteigenschaften: HandschriftPfad: Max-Bruch-Archiv / Korrespondenz
DE-611-HS-4311698, http://kalliope-verbund.info/DE-611-HS-4311698
Erfassung: 8. Januar 2026 ; Modifikation: 8. Januar 2026 ; Synchronisierungsdatum: 2026-01-08T15:45:08+01:00
