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Brief von Max Bruch an Ernst Rudorff Musikwissenschaftliches Institut Köln Max-Bruch-Archiv Signatur: Br. Korr. 154, 534
Brief von Max Bruch an Ernst Rudorff Musikwissenschaftliches Institut Köln ; Max-Bruch-Archiv
Signatur: Br. Korr. 154, 534
Bruch, Max (1838-1920) [Verfasser], Rudorff, Ernst (1840-1916) [Adressat]
28.05.1906. - 14 Seiten, Deutsch. - Brief
Inhaltsangabe: Transkription: M. l. Freund, Dank für Deine ausführliche Antwort. Da ich Frau v. L. gar nicht kenne, so wäre es mir doch etwas peinlich gewesen, an sie einen Bettelbrief im Interesse des kleinen Nowo zu schreiben (der nicht einmal zu meiner Abtheilung gehört). Ich habe also 1) den älteren Bruder des Kleinen, meinen Schüler Felix Now. (den Meyerbeer-Stipendiaten) veranlaßt, an Frau v. L. zu schreiben, seinen Brief aber vor der Absendung corrigirt und Sorge getragen daß weder zu viel noch zu wenig darin gesagt war; und 2) habe ich ein Attest ausgestellt (außeramtlich), worin ich auf Grund eigener Wahrnehmung, in Deiner Abwesenheit die bedeutenden Fortschritte des Jungen constatirt habe. Hoffentlich hilft das! Ich habe mich auch nach der Schwester erkundigt und erfahren, daß dieselbe damals nicht mündlich mit Frau v. L. verhandelt, sondern geschrieben hat / weil der ältere Bruder Felix damals in Italien war. Da nun die Nowowieski’s kleine, und (mit Ausnahme des Stipendiaten) wenig gebildete Leute sind und zum Theil die unterwürfigen, schmeichlerischen, allzu knechtischen Manieren der Slawen haben, so kann ich mir denken, daß das Mädchen darum geschrieben, nicht den rechten Ton gefunden, und daher auf Frau v. L. einen schlechten Eindruck gemacht hat. Möchte es mir gelungen sein, denselben jetzt zu verwischen. Der „kl. Nowo“, (der übrigens jetzt schon 16 Jahre alt wird) ist so innerlich musikalisch und hat eine so leichte Auffassungskraft, daß ich ihm erlaubt habe, von jetzt an meiner „Analyse von Meisterwerken“ beizuwohnen, die manche unserer jungen Leute eine Vorstellung gegeben hat, was alles dazu gehört ein wahres Kunstwerk zu Stande zu bringen. Sogar einzelne unserer Lehrer hospitiren gern und oft in diesen Stunden, - so z.B. Gabr[iele]. Wietrowetz, Becker etc. – Joachim reiste am 21. April nach England, war dann seit dem 18. Mai in Bonn zum Schumannfest, und kehrt am 1. Juni hierher zurück. In dieser Zeit dirigirten Juon und ich je 3 Orchesterstunden. Mit besonderer Freude hätte ich unsern alten Freund, den blonden Eckbert, in seinem neuen Gewande Deinen Kindern vorgeführt; hätte ich’s nur früher gewußt! Jetzt habe ich in absehbarer Zeit das Orchester nicht mehr. Am 19/5 wurden Deine Variat. op. 1 recht gut gespielt; Anderes gelang weniger. Kürzlich habe ich den Auszug von „Salome“ von R. Strauss angesehen. Alle Ausdrücke des Mißfallens, des Ekels u.s.w. sind hier ganz unzureichend, dies anarchistische Machwerk steht ganz außerhalb unserer und aller Kunst, und kann lediglich pathologischaufgefaßt werden – als die wüste Ausgeburt eines kranken Gehirns. Laß einen betrunkenen Arbeiter von der Straße kommen, und sage ihm er möge spielen; haut dann der Kerl mit beiden Fäusten gleichzeitig auf die Tasten, so kommt die Katzenmusik heraus, welche die Freunde des Herrn R. St. in „Domestica“, so sehr bewundern. Kein Ton paßt zum andern, kein Accord zum andern – du hörst gleichzeitig Cis moll und D moll – die Verwandtschaft der Tonarten ist gänzlich ignorirt, und absichtlich schreibt er stets ganz unorthographisch, etc. etc. Nur Johannes der Täufer wird zuweilen mit Dreiklängen beehrt – man denke! Für diese Musik begeistert sich nur notorisch Herr van Eyken. Ich habe Beweise dafür, daß er mit jungen Schülern über R. Strauss im Ton der Verehrung gesprochen hat, und er selbst hat ihnen gesagt, R. Str. selbst habe ihm (v. E.) die Partitur geliehen. Das deutet doch auch ein nahes Freundschafts-Verhältniß! Die jungen Schüler, z.B. der kleine Nowo, kommen mit heißen Köpfen aus seinen Theorie-Stunden und faseln über Strauss. Hier ist nun der Punkt, wo ich ihn fassen kann und wahrscheinlich fassen werde: privatim mag er treiben, was er will - aber im höchsten Grade unpädagogisch ist es, mit derartigen Dingen die jungen Schüler zu beunruhigen und den ruhigen Gang des Studiums zu irritiren. Ich werde mit Joachim hierüber reden – unter Vorlegung des Scheusals Salome – und wir werden dann sehen was zu thun ist. Kürzlich versäumte er die Aufnahme-Prüfung, und am 2. Mai eine wichtige Lehrer-Conferenz, und hatte dann noch die naive Unverschämtheit mir zu schreiben, er habe Privatstunden zu geben und könne nicht kommen! Das war mir zu stark, ich brachte die Sache durch das Büreau amtlich zur Kenntniß Ad. Schulze’s, der augenbl. stellvertr. Director ist, - und dieser erließ sofort einen kräftigen Ukas an v. E., den er wohl nicht an den Spiegel gesteckt haben wird. In allen Fällen, wo er sich (wie in diesem) unzweifelhafte Blößen giebt, werde ich ihn jetzt amtlich fassen, und hoffe ihm dadurch nach und nach seine Stellung so zu verekeln, daß er selbst kündigt. Denn dieser Mensch ist ein fremder Tropfen in unserm Blut – ein Feind in unserem eigenen Lager – ein Pfahl in unserem Fleisch; er muß fort! Uebrigens giebt er nur 10 Stunden, und bezieht nicht einmal Gehalt, sondern nur eine Remuneration von M 1500. Der Ausfall wäre also für ihn nicht bedeutend, und seine Schüler – die für ihn schwärmen, weil er ihnen alles durchgehen läßt (wie s. Z. Herrn Vogel!!) würden ihm wohl folgen. – Ein sehr unsicherer Kunde ist auch Krebs, der aber bei der Hochsch. wie bei der Akademie zu fest sitzt, um ihn attaquiren zu können. Sogar in seinen amtlichen Berichten an das Ministerium schreibt er manchmal den größten Unsinn, so daß ich (augenbl. Vorsitzender) mich kürzlich geradezu geweigert habe, einen seiner Briefe zu unterschreiben. Die leichtfertige Tagesschriftstellerei hat ihm das Maß der Dinge verrückt; er schreibt in’s Blaue hinein, und ist dann sehr erstaunt, wenn man ihm sagt: „Nun, lieber Krebs, das unterschreibe ich nicht!“ Radecke läßt ihm alles durchgehen – ich nicht! - In einem kleinen populär gehaltenen Buch über Haydn-Moz.-Beeth. stellt er den ganzen I. Act des Fidelio, mit Ausnahme der E-Dur-Arie und des Gefangenen-Chors, als minderwerthig hin, und greift sogar den Canon an (!!!) „Mozart hätte das alles besser gemacht!“ - Strauss und Schillings aber behandelt auch er mit Respect und Schonung und nicht ohne Zärtlichkeit. Diese letztere erweist auch die Berliner Presse unerschütterlich dem betrunkenen Schw-n Max Reger. – Herzlichst Dein alter M. Bruch. Alles Herzliche Deiner lieben Frau. P.S. am 28.5. Nachmittags Wenn ich an Dich schreibe, mein Lieber, so finde ich so leicht kein Ende. Du wirst wissen wollen wie es unserm jüngsten Sohn in Schlachtensee geht. Nun, man kann sagen: Relativ gut; wir dürfen ihn manchmal sehen, Spaziergänge mit ihm machen, mit ihm auf dem See fahren – das alles ist erlaubt u. macht ihm Freude. Im Ganzen ist er schon sehr viel ruhiger geworden, muß aber doch noch unter ärztlicher Beobachtung bleiben. Von Deinem Aufenthalt in Lauenstein versprach ich mir die wohltätigste Wirkung für Dich. Es muß dort ganz reizend sein! Im Ganzen können wir auch mit dem Wetter zufrieden sein – wie ich glaube, in ganz Nord-Deutschland! Und wie schön ist es, daß Deine l. Frau dort immer bei Dir sein kann! – In Ergänzung m. Mitth. Über Krebs noch Folgendes: Für den jungen Radecke, M.Dir. in Winterthur war (m. E. überfl. Weise) im Senat eine Auszeichn. beantr. worden. Krebs schrieb einen herrlichen bericht und hob als besonderes Verdienst des j. Rad. hervor: „daß er als Dirigent mit gleicher Liebe die Werke unserer modernen Meister, z.B. R. Strauss‘ u. Schilling’s wie die älteren Werke gepflegt habe.“ Ich schrieb K., wenn das so sei, so müßte ich an dem jung. R. ganz verzweifeln – ich würde das nicht unterschreiben. Er gab nach, und strich alles!! -Eyken, Heinrich van (1861-1908) [Erwähnt], Krebs, Carl (1857-1937) [Erwähnt], Wietrowetz, Gabriele (1866-1937) [Erwähnt], Radecke, Robert (1830-1911) [Erwähnt], Radecke, Ernst (1866-1920) [Erwähnt], Bruch, Ewald (1890-) [Erwähnt], Strauss, Richard (1864-1949) [Erwähnt], Nowowiejski, Feliks (1877-1946) [Erwähnt], Joachim, Joseph (1831-1907) [Erwähnt], Nowowiejski, Eduard [Behandelt]
Königliche Akademische Hochschule für Musik in Berlin zu Charlottenburg (1902-1918) [Behandelt]
Bemerkung: Max Bruch Unterstützung des „kleinen Nowo“, (Schüler von ER), jüngerer Bruder von Feliks Nowowiejski (1877- 1946), Schüler von MB. – Lange zu R. Strauss und Personalien (van Eyken, Krebs)
Objekteigenschaften: HandschriftPfad: Max-Bruch-Archiv / Korrespondenz
DE-611-HS-4310947, http://kalliope-verbund.info/DE-611-HS-4310947
Erfassung: 2. Januar 2026 ; Modifikation: 2. Januar 2026 ; Synchronisierungsdatum: 2026-01-02T17:33:29+01:00
