Detailinformationen
Brief von Max Bruch an Ernst Rudorff Musikwissenschaftliches Institut Köln Max-Bruch-Archiv Signatur: Br. Korr. 154, 529
Brief von Max Bruch an Ernst Rudorff Musikwissenschaftliches Institut Köln ; Max-Bruch-Archiv
Signatur: Br. Korr. 154, 529
Bruch, Max (1838-1920) [Verfasser], Rudorff, Ernst (1840-1916) [Adressat]
08.01.1902. - 10 Seiten, Deutsch. - Brief
Inhaltsangabe: Transkription: [Handschriftlicher Vermerk ER:] Ungefährlich! Heute ein ander Bild, lieber Freund! Zu den unerfreulichen Folgen meiner, durch die Anstellung an der Hochschule so sehr vermehrten schulmeisterlichen Thätigkeit gehört es, daß ich seit ein paar Jahren so gut wie nichts mehr habe schaffen können. Und doch war für mich 40 Jahre lang leben gleichbedeutend mit schaffen; und das Leben, welches ich nun lediglich aus financiellen Gründen seit dem Herbst 1899 habe führen müssen, ist für mich in Wahrheit kein Leben mehr. Man könnte mir ja sagen „Was willst Du – Du bist alt, und sollst gar nicht mehr schaffen, etwas Gescheites bringst Du doch wahrscheinlich nicht mehr zu Stande – also höre auf, und räume Jüngern den Platz!“ Aber, nachdem ich noch im 60. Jahr den Gustav Adolf geschrieben und nachdem dies (zur Ehre des Königs und zur Stärkung des protestantischen Bewußtseins gegenüber Rom geschriebene) Werk in 3 Jahren gegen 60 Aufführungen in ca. 50 Städten erlebt hat / genau wie früher Frithjof, Odysseus und die „Glocke“ / (nur Berlin regt sich nicht!) fühle ich auch heute noch Lust u. Kraft zu neuen Dingen dieser Art in mir; und das Gefühl, das alles nicht mehr aussprechen zu sollen was in mir liegt, und was noch gesagt werden muß, - das peinigt u. martert und deprimirt mich derart, daß ich im vorigen Herbst völlig tiefsinnig war, und nicht wußte wie ich überhaupt weiterleben sollte. Da habe ich dann am 6. Januar gesagt: So kann das nicht weitergehen; ich habe mich verloren, und muß mich wiederfinden. Die äußeren Dinge müssen nach und nach anders eingerichtet werden, damit mir die Continuität des Schaffens wieder ermöglicht werde, denn ein hundertfach zersplittertes Schaffen zwischen all‘ den Stunden, Correcturen von Schülermist etc. ist überhaupt gar kein Schaffen. Wie ich nun das Äußere einrichte – das ist meine Sache; heute wollte ich Dir nur sagen, was mich bewegt und zur Gestaltung drängt, und die nächsten 4-5 Jahre ausfüllen sollte. Zwei große Pläne wälze ich ich schon lange in meinem Geist umher: 1) ein Werk: „Die Salzburger“, dem der Urstoff von Goethe’s „Hermann u. Dorothea“ zu Grunde liegt. Dies Werk würde in der Sequenz Gust. Adolfs wandeln und sich vor allem an die protestantische Welt wenden; 2) ein Werk: „Nal und Damajanti“, nach dem unendlich herrlichen indischen Epos, dessen Hauptscenen nach dem Urtheil aller Einsichtigen den Vergleich mit Homer u. den Germanischen Sagen nicht zu scheuen haben. Alles Musik – von Anfang bis zu Ende. Dies Werk würde sich an Alle wenden. Heute sende ich Dir nur zunächst die Salzburger, denen in einigen Tagen Nala und Dam. Folgen soll. Ich erbitte von Dir, was man nur vom wahren Freunde erbitten und erwarten darf: ein liebevolles Eingehen auf diese Pläne, und ein freimüthiges Urtheil! Ueber die Salzburger nur noch Folgendes: Den Gegenstand bezeichnet Goethe selbst (28. April 1797) als einen „äußerst glücklichen“, als „ein Sujet, wie man es in seinem Leben vielleicht nicht zweimal finde.“ Die Hauptzüge entlehnte er (s. Viehoff, Goethes’s Leben, III, S. 350) aus d. Geschichte der im Jahr 1731 vertriebenen (protest.) Salzburger. Es existiren von dieser Geschichte mehrere im Wesentlichen übereinstimmende Varianten. Die Bearbeitung, welche Goethe wahrscheinlich als Quelle vorgelegen, führ den Titel: „Das Liebthätige Gera gegen die Salzburgischen Emigranten“. (Leipzig 1732. Jetzt verschollen.) Goethe hat, von seinem Standpunkt aus mit Recht, den ganzen Vorgang in eine andere Zeit und auf einen andern Schauplatz verlegt, das religiöse Motiv ganz gestrichen, u. der Liebesgeschichte den rein geschichtlichen Hintergrund der französ. Revolution gegeben. Bemächtigt sich aber jetzt die Musik des Stoffes, so muß unzweifelhaft das religiöse Motiv hergestellt, und somit ganz entschieden auf die Urform des Stoffes zurückgegriffen werden. Denn gerade hier liegen tiefe, starke, anregende und rührende Wirkungen, die sich der Musiker m.E. um keinen Preis entgehen lassen darf; auch ist der außerordentliche Vortheil einer entschiedenen Localfarbe (durch das geistliche u. weltliche Volkslied – wie in Gust. Adolf) ja nicht zu unterschätzen.. Etc. etc. Alles weiter mündlich! Vielleicht könnte ich Dich nächsten Sonntag, Vormittags von 10-12 ½ besuchen. Inzwischenhast Du dann auch Nala u. Damajanti erhalten. – eben war Börner hier, da er will, so werde ich seine Candidatur natürlich ganz entschieden unterstützen. – Herzlichst Dein M. BruchBörner, Kurt (1877-1947) [Erwähnt]
Königliche Akademische Hochschule für Musik (1869-1902) [Behandelt]
Bemerkung: Max Bruch
Objekteigenschaften: HandschriftPfad: Max-Bruch-Archiv / Korrespondenz
DE-611-HS-4310942, http://kalliope-verbund.info/DE-611-HS-4310942
Erfassung: 2. Januar 2026 ; Modifikation: 2. Januar 2026 ; Synchronisierungsdatum: 2026-01-02T16:51:17+01:00
